Mittwoch, 11. Mai 2016

Emma

Wochen waren seit einer letzten Nachricht von Tamino vergangen. Inzwischen hatte der Frühling nach mehrmaligen Anläufen endlich Einzug gehalten und vielversprechend schien die Sonne vom Himmel.

Emma hatte sich nach einigen misslungenen Anläufen, endlich eine kleine Auszeit gegönnt und war zu einem ihrer Lieblingsorte gefahren. Zu oft hatte sie alles verschoben, weil sie auf die Erfüllung seiner Versprechen gehofft hatte. Doch er sollte nicht der einzige Bestandteil ihres Denkens werden.
Am See konnte sie Kraft tanken und ihren Gedanken freien Lauf lassen. Als Kind war sie einige Male in den Ferien an diesem idyllischen Ort gewesen, Jahre später führte sie ein kleiner Campingurlaub an jenen Ort zurück und sie verliebte sich in die kühlen Buchenwälder, die großen Flächen an Blaubeeren, den See und seine Insel. Die Urlaubstage musste sie damals abrupt abbrechen und nun nahm sie sich vor, sich von niemanden wieder ihre Erholung unterbrechen zu lassen.

Ihr Urlaubsdomizil lag in einen kleinen Garten, der hinunter führte zum See.
Obstbäume standen wahllos auf einer weitläufigen Wiese und der Wind lies zarte Kirschblütenblätter wie Schneeflocken auf und ab tanzen. Verträumt blickte Emma ihnen nach, ihre Schreibutensilien schon unter dem Arm.

Gerade hatte sie noch in ihrem Zimmer „Romantische Zärtlichkeiten“ genossen. Wunderbare Welt der Klassik. Begleitung in den erwachenden Tag. Zeit des Träumens. Zeit des Nachdenkens. Zeit, zu erwachen?!

Jetzt zog es sie hinaus, sie wollte die eben aufkeimenden Gedanken zu Papier bringen, sie in einem Brief zusammenfügen. Das Leben war nicht nur Tamino, doch die Gedanken trafen auf ihn, aber vor allem auf ihre liebste Freundin zu.
Unten am Wasser wuchs ein großer alter Kastanienbaum, dessen Kerzen sich wunderschön der Sonne entgegenstreckten und unter ihm stand, neben einem alten schiefen Holztisch eine Bank, die mit bunten Kissen geschmückt war.
Hier wollte Emma den Vormittag verbringen. Letzte Tulpen und sich sacht öffnende Pfingstrosen säumten den Baum.
Etwas weiter weg standen Salomonssiegel und tränendes Herz. Ein Bauerngarten mit alten schönen Pflanzen und Gehölzen, ganz wie in ihren Träumen und sie saß mittendrin.
Das kleine Häuschen hatte blaue Fensterladen und schon der Anblick schenkte ihr Ruhe und Gelassenheit.

Der Blick auf den See und die sich spiegelnden Wolken, beruhigte sie. Aufgewühlt von all den Gedanken sog sie tief atmend die Blütenduft geschwängerte Luft ein. Der Flieder nahe am Haus gab alles um die Umgebung mit seinem betörenden Duft zu erfüllen.

Sorgfältig hatte sie das Papier gewählt. Marmoriertes Grün, die Farbe der Hoffnung.
Der Stift glitt über die Seiten und ihre Gefühle formten sich zu Buchstaben und Sätzen.

„Hallo meine Süße,

so schnell werden Wünsche zerstört.

In mir pulsiert es, will raus.
Vielleicht treffe ich nicht immer die richtigen Töne,
vielleicht werde ich übergriffig oder sehe manches in einem falschen Licht.

Vielleicht …. doch von diesem vielleicht möchte ich mich nicht leiten lassen.
Keine Angst aufbauen, etwas falsches zu schreiben, sondern den Gedanken und Gefühlen Raum geben.

Als vorhin die Gedanken begannen zu sprudeln, hörte ich Beethoven und andere klassische Werke. Wenn Du magst, leg Dir die beigefügte CD ein.
Nun sitze ich am See, inmitten von Bäumen und Blumen, die meinem Wunsch, von einem alten Bauerngarten, sehr nahe kommen.
Der Wind treibt seine Spielchen und am See geben die Frösche ein Konzert. Begleitet vom Zwitschern der Vögel.
Ich habe einmal gelesen, man soll sich nicht sorgen. Sorgen um andere. Doch ich sorge mich. Sorge mich um Dich. Und wenn wir immer alles befolgen würden, was irgendwo steht, sterben die Gefühle und Empfindungen ganz aus. Ratschläge, gemacht, doch sie müssen ja nicht auf alles zutreffen.
Bleiben wir bei den Gefühlen.
Oder ich!? - oder doch wir?!

WIR, denn sobald Du fühlst, meine Zeilen tun Dir nicht gut, leg sie beiseite. Gib sie weg. Nicht schlimm.

Denn es geht um Dich! DU sollst Dich wohl fühlen und wenn mein Brief Unwohlsein bereitet, habe ich einen Schritt zu weit gewagt.
Ich setze in meine Zeilen keine Erwartungen, dass Du es mir gleich tun sollst, Wege beschreiten, die ich gegangen bin.
Ich gebe keinen Rat und versuche auch keinen Finger zu heben. Gratwanderung!
Bei allem was wir tun. Denn die Gefühlsebenen unseres Gegenübers stehen ja niemals mit den unseren Millimetergenau auf einer „Stufe“. So kann gesagtes, völlig anders ankommen.
Ich vergleiche uns auch nicht und doch gibt es „Ähnlichkeiten“. Ich spüre Deine Erschöpfung. Ich spüre wie all Deine Pflichten, Aufgaben und Versprechen auf Dir „lasten“ und Dir Kraft rauben.
Du bäumst Dich auf, sobald Du merkst Deine Kraft lässt nach. Du gibst Dich hin. Unaufhaltsam.
Hin und wieder ein Hauch von „ich denk an mich“ und doch spielen andere dabei immer wieder die erste Geige.
Ja, es ist schwer – ohne Frage.
Du powerst Dich aus.
Vor Zeiten hast Du ein Versprechen gegeben.
Jetzt kollidiert dieses Versprechen mit Deinen Wünschen. Normal. Sicher, da das Leben nicht anhält. Immer weiter geht. Wir uns entwickeln und bei allem haben wir fast nichts in der Hand.
Krankheit, Tod, die Arbeitsstelle verlieren, verlassen werden. Unbeeinflussbar.
Krankheit – manches können wir selbst helfen zu heilen. Jedoch nicht alles.

Versprechen können nicht immer zu tausend Prozent erfüllt werden. Auch nicht zu Hundert. Und es ist kein Versagen, wenn wir nicht alles schaffen zu erfüllen.
Unsere Kraft war zu dem Zeitpunkt des Versprechens eine völlig andere. Und auch die Lebenssituationen. Manchmal sprechen wir etwas aus, von dem wir glauben, es ein Leben lang erfüllen zu können. Weil es zu jenem Zeitpunkt stimmig war. Lebenssituationen verändern sich. Wir mit ihnen, sie sich mit uns.
„Ganz ehrlich“
ja – ganz ehrlich!
Wir, DU darfst aussprechen was Dich bewegt. Nicht nur nur jenes, was Dich in der großen weiten Welt bewegt.
Du blickst auf die Welt, siehst ihre Abgründe, „schreist“ sie hinaus.
Doch wo bei ALL dem bleibst Du?
„ Ganz ehrlich“ - raus mit dem was in Dir gärt, Dich herab reißt. Dich innerlich „zerstört“.
Dir Kraft raubt.
Halt Dich doch auch dort nicht … auch??? Halt Dich VOR ALLEM DORT nicht zurück!
Dein kleines großes Herz muss nicht immer für all und jeden und für die ganze Welt pochen.
Dein kleines großes Herz darf beginnen für Dich zu pochen.
Du bist großartig.
Doch sobald es um Dich geht, vergisst Du Dich selbst.
Vielleicht sehe ich manches in einem diffusen Licht und es ist völlig anders.
Doch ich fühle mich ins unser Miteinander hinein und es mahnt. Es sendet kleine Impulse.
Vielleicht denkst Du ja gerade, „Versprechen können wir nicht wieder zurück nehmen“.
Nein, das können wir nicht.
Doch wir können ihren Inhalt unseren Lebenssituationen anpassen.
Wir sind nicht egoistisch, wenn wir dies tun. Wenn wir dabei an uns und unsere vorhandene Kraft denken.
Nur, wenn IN uns alles stimmig ist, können wir mit ganzer Kraft leben. Und auch für andere da sein.
Ein Versprechen, kann ein Versprechen bleiben, selbst wenn wir es korrigieren.“


….
erst jetzt schaute Emma auf.
Wie gern würde sie ihre Freundin in diesem Moment und noch viel öfter in den Arm nehmen. Einfach nur halten.
Nicht nur Kilometer trennten sie, manchmal auch das Gefühl ihre Freundin kann ihre Umarmung nicht annehmen.

Die Sonne hatte inzwischen einen großen Weg zurückgelegt. Wärme zog unter die gigantische Kastanie, die jedoch wunderbar Schatten spendete. Zwei Schwäne flogen majestätisch über den See. Ihr Flügelschwingen war überwältigend und ihre Größe wurde beim Flug richtig sichtbar. Lange sah Emma ihnen nach.

Wie oft hatte Tamino etwas versprochen.
Versprechen – Versprechungen?!

In Emma lösten sich dank ihrer Freundin viele Gedanken – doch sie fand keinen Zugang. Noch nicht ….


„Kann man jemanden „freisprechen“ von Versprechen? Jemanden etwas von den Schultern nehmen, was sich dort türmt und türmt und langsam zu einem Rucksack voller Last wird?“  

Kommentare:

  1. So viel Wärme strahlt aus diesem Brief mit seinem grün marmorierten Papier. Deine Art zu Schreiben malt wundervolle Bilder – herrliche Landschaften mit zufriedenen glücklichen Momenten. Teils musste ich sogar überlegen, ob dieser Brief nicht doch an mich gerichtet ist  mein liebes Rosenrot.
    und wieder hast du mich mitgenommen und ich folge immer gerne deinen gedanklichen Ausflügen.
    Ja und Tamino – der große Junge, der nicht erwachsen werden will. Soll man noch weiter warten oder gibt man sein Versprechen frei? Mit Liebe verstehen oder sehen. Nicht ist schwieriger und man fühlt sich nur bedingt besser …. Denn es wird dir oft das als Dummheit und Gutgläubigkeit ausgelegt. Es ist ja nicht so, dass man nur sieht, was man sehen will! Das schlimme ist: man weiß um alles und schafft selbst DAS mit Liebe zu sehen.

    Ich verzettle mich und muss deshalb gehen *lach*- und hoffe, es gibt noch eine weitere Folge …

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  2. ..und das schlimme ist ...man weiß um alles .....

    Verzettel Dich ruhig
    Gedanken fördern Gedanken :)

    Tamino - der große Junge

    DANKE
    Dein Rosenrot

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